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Almaty                     -          Teheran                   -           Istanbul

Nach mittlerweile 5 Jahren haben wir uns also entschlossen, mal wieder eine große Überlandreise zu machen. Eine `Nullflugzeug' - Reise würde es nicht werden, sondern wie in unseren Anfangszeiten (2003:  Berlin - Peking, 2004: Almaty - Shanghai) fliegen wir zum Anfangs- oder Endpunkt der Reise, aber dazwischen eben alles ohne Flugzeug. 6 Wochen, also viel Zeit, haben wir veranschlagt angesichts  der ungeheuren Fülle an Kulturdenkmähler entlang dieser Strecke. Auch würde es eine Reise werden ausschließlich durch islamische Länder. Viele haben uns komplett für verrückt erklärt, angesicht der politischen Spannungen  ausgerechnet in den Iran zu reisen. Wir haben die Seite des Auswärtigen Amtes gründlich studiert und das Gerede nicht beachtet. Reisewarnungen gibt es dort für Afghanistan, Pakistan und den Irak, aber nicht für den Iran. Allerdings soll man sich im Iran von den Grenzgebieten zu diesen Länder fernhalten. Daran haben wir uns gehalten. Viel Geld haben wir für die Reise ausgegeben, die Länder entlang der Strecke sind komplizierte Staaten. Alleine die Visabeschaffung ist langwierig und hat drei Monate gedauert. Ich habe mit meiner Frau die Bekleidungsvorschriften für den Iran diskutiert. Sie hat das vorgeschriebene Kopftuch hingenommen, nur wie lang der vorgeschriebene Mantel denn nun wirklich zu sein hat, haben wir nicht herausbekommen. Dazu mehr im Iran-Kapitel.


Zentralasien

Die Idee, von Almaty aus entlang der alten Seidenstrasse auf deren Route südlich des Kaspischen Meeres, also über den Iran zu fahren hatte ich seit einem Gespräch mit einer australischen Reisegruppe 2004 im Zug von Almaty nach China.

Almaty hatte schon zweimal, einmal als Startort nach China, dann als äußerst schwierige Zwischenstation (siehe Weltreise-Bericht) eine Rolle gespielt. Diesmal beginnen wir unsere Tour durch die Länder Zentralasiens ganz gegen unsere Gewohnheit als Gruppenreise. Der Registan-Sonderzug, auch als Silk Road Express bezeichnet, ist zweimal im Jahr zwischen Almaty und Aschgabad in beide Richtungen unterwegs, eine Art Kreuzfahrt auf Schienen. Es  ist der einzige Zug, mit dem man die Grenzen der drei ehemaligen Sowjetrepubliken ohne Umsteigen überwinden kann. Im Zug erwartet einen eine Rundumversorgung wie bei einer richtigen Kreuzfahrt. Vor allem die hervorragenden russischen Köche und die Kellner seien besonders erwähnt. Denn es macht einen großen Unterschied, ob man auf dem Pazifik bei Windstille 5 Mahlzeiten am Tag mit immer denselben muffigen Tischnachbarn aufgetragen bekommt oder ob man auf rumpeligen mittelasiatischen Schienen in renovierten, aber alten Waggons 'Made in DDR' sein Abendessen serviert bekommt, zusammen mit durch die Bank netten Mitreisenden. Es sind hauptsächlich Norweger, Franzosen und Deutsche, die kulturell sehr interessiert waren und eben nicht ständig an diesem und jenem rumgestänkert haben.

Kasachstan  mit der Gruppe gelb

Der Flug nach Almaty über Istanbul dauert als reine Flugzeit etwa 7 Stunden. Turkish Airlines (globally yours) fliegt vom Tegeler Airport, der wirklich aus allen Nähten platzt, um 15 Uhr nach Istanbul. Von dort bedienen sie im Mittleren Osten fast alles, was irgendwie eine Rollbahn hat. Allein drei Ziele werden im Iran angeflogen am Abend. Aber es stehen auch mit dem Niquab verschleierte Frauen (die mit dem Augenschlitz) vor dem Check-in nach Riad oder weiß gekleidete Mekka-Pilger wollen nach Dschedda.

Wir fliegen gegen die Zeit um 21 Uhr los und kommen um 6 Uhr morgens nach etwa 4 Stunden Flugzeit an. Die ausschließlich männlichen Flugbegleiter, gelegendlich schlecht organisiert, hatten große Mühe in dieser Zeit ihr Programm zu bewältigen. Ein Baby schreit die ganze Nacht. Dan Schlaf war nicht zu denken. Eine 20 Stunden-Reise über Nacht mit dem Zug ist eine Wohltat dagegen. Um 7.20 Uhr liegen wir im Hotelbett, aber schon um 8 Uhr weckt uns das Telefon, die Reiseleitung Registan, das Tagesprogramm Almaty und die Gruppe Gelb erwarten uns.

Mit sehr gemischten Gefühlen haben wir an der Passkontrolle angestanden. Diesmal haben sie Irene ohne Probleme einreisen lassen. Nun ja, dass Visum haben wir nach den alten Erfahrungen mehrfach kontrolliert.

Almaty oder früher ALma Ata heißt 'Stadt der Äpfel'. Die blühen in dieser Jahreszeit überall in der Stadt, es riecht nach Frühling, sehr angenehm nach soviel Eis und Schnee bis Ende März in Deutschland. Ich bin zum dritten Mal in der Stadt, mache aber zum ersten Mal eine ausführliche Stadtrundfahrt. Kasachstan leidet nicht an Geldmangel und so wird unendlich viel gebaut, dicke SUVs stehen auf den perfekt asphaltierten Straßen im Stau. Viele protzige Neubauten sollen den sowjetisch geprägten Charakter der Stadt verändern, auch eine große neue Moschee mit goldener Kuppel gibt es und über allem thront die Silhouette des Alatau-Gebirges. Ganz früh morgens ist sie klar zu sehen, gegen Mittag trübt der Smog den Anblick. Mittagessen gibt es auf einem Aussichtspunkt hoch über der Stadt, der Berg ist ein beliebtes Naherholungsgebiet. Das Essen ist sehr kasachisch, es gibt Pferdefleisch, es schmeckt überraschend gut.

Um drei Uhr Nachmittags setzt sich schließlich unser Sonderzug vom Bahnhof Almaty 2 in Bewegung. Wir fahren nach Westen bei Tageslicht lange in Sichtweite des Alatau-Gebirges. In der Dämmerung wird uns das erste hervorragende Menü des russischen Kochs serviert, dazu gibt es gutes Baltika-Bier und natürlich eine Wodkaprobe. Die Kellner vollbringen auf dem rumpeligen Unterbau der Strecke eine echte Meisterleistung, nichts wird verkleckert.

Am nächsten Morgen fahren wir Richtung Nordwesten durch die kasachische Einöde. Die seltenen Dörfer mit den ebenerdigen Häusern, dem Müll, der einfach am Ortsrand ausgekippt wird, aber auch der Zustand der Regelzüge stehen im heftigen Kontrast zu den protzigen Neubauten von Almaty oder noch toller in der neuen Hauptstadt Astana (siehe Weltreise-Bericht). Für solche Dinge hat der Präsident Naserbajew offensichtlich wenig Geld übrig.

Um ca. 10 Uhr hat der Zug unser zweites und letztes kasachisches Reiseziel erreicht, die Stadt Turkestan. Die Bezeichnung diente im zaristischen Rußland als Obergriff für alle im 19. Jahrh. eroberten zentralasiatischen Gebiete. Die Stadt, heute eher überschaubar, war lange Zeit mit seiner riesigen Grabmoschee für den berühmten Sufi Jassawi  einer der kulturellen Hauptorte der Region. Angeblich wiegen für gläubige Muslime 3 Besuche an diesem Ort 1 Besuch von Mekka auf. Wir sehen zum ersten Mal das Ivan genannte große Portal einer großen Moschee. Wir werden auf dieser Reise noch viele sehen.

Eigentlich sollte es um 16 Uhr weitergehen, aber verspätete Regelzüge auf der eingleisigen Strecke sorgen für eine Wartezeit. Es ist heute Newroz-Fest und wir haben so Zeit, das bunte Treiben zu beobachten. Die Regelzüge treffen ein, aber einer von zwei Bahnsteigen ist von unserem Sonderzug blockiert. Die Reisenden des Zuges von Taschkent nach Moskau müssen über den Schotter eines Nebengleises ihren Zug  'besteigen'. Um 17.30 Uhr geht es dann weiter.

Der Zug fährt die Strecke ein gutes Stück zurück. Nach dem Essen wird der Bier- und Wodka-Ausschank eingestellt mit dem Verweis auf die Grenze nach Usbekistan, eine Grenze, die es bis 1991 nicht gegeben hat. Erst hält der Zug auf der kasachischen Seite zwei Stunden, dann auf der usbekischen Seite nochmal zwei Stunden, fährt dann etwa 20 min weiter, um dann für den Rest der Nacht auf dem Bahnhof von Taschkent herumzustehen. Es ist ungewohnt ohne das Rattern des Zuges zu schlafen, es wird warm und stickig im Abteil, die Klimaanlage läuft in diesem Typ Zug nur wenn er fährt. Zum Glück lässt sich im Gang ein Fensterflügel abklappen, bei geöffneter Abteiltür kann man es aushalten.

Der Grenzübertritt war durch die Reiseleitung akribisch vorbereitet worden. Alle Pässe wurden eingesammelt, die Visa überprüft, die nur auf kyrillisch vorhandenen usbekischen Zollerklärungen von unserer Gruppe Gelb-Reiseleiterin Galina vorausgefüllt. Die Reiseleitung hat sich dann im Restaurant mit den Grenzern die halbe Nacht um die Ohren gehauen, aber wir sehen sie nicht und schlafen. Einen so merkwürdigen Grenzübergang habe ich noch nie mitgemacht. Später hat sich das gleiche eingeübte Spiel an der turkmenischen Grenze wiederholt.


Usbekistan

Taschkent, die usbekische Hauptstadt gleich hinter der Grenze, erwartet uns mit kräftigem Regen. Der Unterschied zu Almaty könnte nicht größer sein, kaputte Straßen, klapprige Busse, wenige Autos auf den Strassen. Das Land ist arm, hat mit Abstand die meisten Einwohner in Zentralasien, etwa 30 Mio., aber kaum Öl- und Gasvorräte. Später sehen wir zwei bis drei Kilometer lange Schlangen an den wenigen geöffneten Tankstellen. Das Land lebt von der Baumwolle, die entlang der beiden Flüsse Syr- und Amu Darija angebaut wird.

Taschkent wurde im Jahr 1967 durch ein schweres Erdbeben komplett zerstört. Danach wurde es nach den zu dieser Zeit geltenden  städtebaulichen Vorstellungen der Sowjetunion wieder aufgebaut, ein recht geschlossenes Ensemble also. Die Stadt ist sehr grün, große Boulevards und Plätze mit vielen Bäumen, Parks und Gärten beherrschen das Bild. Die Anlagen sind sehr gepflegt. Was hat sich geändert seit der Sowjetzeit? Alle vorhandenen Standbilder von Marx, Engels und Lenin wurden entfernt und durch den usbekischen Nationalhelden, den Schlächter Tamerlan, ersetzt. Angeblich hat er auch gute Werke vollbracht. Auch in der Taschkenter U-Bahn wurden neue Akzente gesetzt. Wir fahren einige Stationen. Die Bahnhöfe sind prunkvoll gestaltet, ähnlich denen in Moskau. Aber anders als dort sind die Darstellungen der Arbeiter- und Bauernmacht durch usbekische Ornamentik ersetzt worden. Auch die Stationsnamen wurden geändert. Auf jedem Bahnsteig steht Polizei, es herrscht Fotografierverbot, genau wie auf den großen Bahnhöfen, die auch sehr prächtig gestaltet sind. Dafür scheint der Diktator Karimov, der das Land seit der Wende regiert, Geld übrig gehabt zu haben. Überhaupt die Polizei, die Polizeidichte ist sichtbar überall sehr hoch im Land.

Wir besuchen einen der größten Basare Zentralasiens, das Gebäude hat bessere Zeiten gesehen. Aber das Warenangebot ist groß und vielfältig. Bemerkenswert ist, das wird auf der ganzen Reise so bleiben, das riesige Angebot an Gewürzen und Süßwaren. Der Basar wird von Frauen beherrscht, uns fällt zum ersten Mal die Vorliebe der Usbekinnen auf, sich in kräftige Farben zu kleiden.

Am späten Abend verlässt der Zug Taschkent. In der Nacht fahren wir durch Samarkand, dorthin kehren wir erst am nächsten Abend zurück. Wir wachen auf dem Provinzbahnhof Kamashi auf, der an einer Nebenstrecke Richtung Süden liegt. Von hier aus sollte es in ein Dorf in die Berge gehen zu einem Besuch bei einer Großfamilie. Geht aber nicht, der gestrige Regen hat die Straßen unpassierbar gemacht. Es wird ein Ersatzprogramm geboten, das der Bürgermeister von Kamashi persönlich organisiert hat. Er lädt in seine eigene Großfamilie zu Tee, Musik und Tänzen ein.

Gegen Mittag fährt der Zug nach Süden und bleibt in Sahr-e-Shabs stehen. Von dort ist es nicht mehr weit nach Afghanistan. Warum fährt man in diese mittelgroße Stadt in einem breiten, langgestreckten, fruchtbaren Tal? Wegen Tamerlan. Er wurde hier geboren und begraben. Sein Grabmal wurde mehrfach zerstört, die Ruine ist immer noch imposant. Er ist eben trotz des vielen Blutes, dass er auf seinen Feldzügen vergossen hat, der usbekische Nationalheld, die Besichtigung ein Muss jeder Reise in dieses Land. Gegen Abend gibt es noch ein Grillfest auf dem Bahnsteig des verschlafenen Bahnhofs  mit einer usbekischen Weinprobe. Die Weine waren gar nicht so süß wie angekündigt. Gegen 10 Uhr, wir liegen schon abgefüllt in der Falle, setzt sich der Zug zurück nach Samarkand in Bewegung.

Gegen morgen steht der Zug schon eine ganze Weile auf dem pompösen Hauptbahnhof von Samarkand. Dort werden wir von drei Bläsern mit sehr lauten usbekischen Hörnern empfangen. Weniger nett ist das Verhalten der usbekischen Polizei. Die hohe Polizeipräsenz in diesem Land ist uns schon vorher aufgefallen. Ständig werden normale Reisende barsch aufgefordert, einen anderen Weg zu suchen, damit unser Empfang  nicht gestört wird. Sollen wir vor den Leuten geschützt werden oder die vor uns?  Den meisten von uns war das Verhalten der Polizei unangenehm, aber unternommen haben wir nichts dagegen.

Die Reiseleiterin der Gruppe Gelb, Galina, läuft zur Hochform auf. Wir besuchen als erstes das Bauwerk, das der Reise den Namen geben hat, den Registan. Nicht die geringste Kleinigkeit, die Galina nicht erklären könnte. Das was wir in Turkestan als Torso gesehen haben, ist hier aufwendig restauriert in vollem Umfang zu sehen. Früher eine der größten Moscheen und Medressen (Koranschule) des Orients, ist es heute ein Museum. Der persische Einfluß ist nicht zu übersehen.  Er manifestiert sich vor allem in der mächtigen blauen Kuppel. Später, vor allem in Isfahan, werden wir mehr davon sehen.

Samarkand hat noch einiges mehr zu bieten an historischen Bauwerken, aber es hat keine wirkliche Altstadt. Es gibt ein russisches Viertel aus dem späten 19.Jahrh. und ansonsten verwirklicht sich in dieser Stadt, das was die autoritären Herrscher dieses Staates als modern empfinden. Ganze Straßenzüge im Zentrum sind mit zweigeschossigen Geschäftsbauten zugebaut. Geschäfte findet man aber lediglich im ersten Stock. Die Fenster im zweiten Stock sind meist blind. Durch einige kann man durchschauen und sehen, dass sich dahinter nichts befindet. Es sind in gewissem Sinne potemkinsche Fassaden.

Neben einer Papiermanufaktur und einer Modenschau haben wir eine Teppichknüpferei besucht. Deren allerter Chef führt uns durch die verschiedenen Stufen der Herstellung von Seidenteppichen bis hin in den wichtigsten Raum, den Verkaufsraum.  Er lässt auf zwei Etagen von jungen Mädchen und Frauen seine Teppiche knüpfen. Alle seien über 18 und nach ihrer Heirat würden sie meist den Betrieb verlassen. Im übrigen würden internationale Standards der Beschäftigung eingehalten und eine Produktion im afghanischen Kabul habe er auch aufgebaut. Für mich sehen viele der jungen Frauen deutlich jünger als 18 aus. Sie leisten wahre Knochenarbeit im Bereich der Finger- und Handgelenke. Bezahlt werden sie im Akkord nach der Zahl der geknüpften Knoten. Arbeiten bis zu vier in einer Reihe an einem Teppich, kann das leicht zu Streit führen. Aber einige unser Mitreisenden haben sich die Gelegenheit für ein Seidenteppichschnäppchen nicht entgehen lassen, soo billig sind sie hier. DHL liefert sie dann an.

Nach zwei Tagen verlassen wir Samarkand. Hinter der Stadt dehnen sich große stinkende Chemieanlagen aus. Der Zug fährt nach Norden, es wird immer wüstenhafter. Leider durchqueren wir die Kysl-Kum-Wüste bei Nacht. Unser Ziel ist die Oase Chiwa.  Gegen Morgen stehen wir auf dem Bahnhof von Urgench, Chiwa hat keinen Bahnhof. Wir werden mit dem Bus durch die intensiv bestellte Felder der Oase dorthin gefahren. Chiwa ist ein bewohntes Museum. Eine mächtige Stadtmauer umgibt ein geschlossenes Bauensemble, dessen Anfänge bis in das 6. Jahrh. zurückgehen. Das spektakulärste Bauwerk ist für uns eine Moschee mit einem hohen begehbaren Minarett. Wir klettern innen die sehr hohen Stufen hoch, es ist sehr dunkel hier drin. Eine usbekische Frau hat offensichtlich eine Panikattacke, als wir wieder runterklettern sitzt sie immer noch dort, verzweifelt. Oben haben wir einen großartigen Ausblick. Man sieht die gewaltige Dimension der Oase, nach Osten hin wird ihr Grün scharf vom Gelb der Kysil-Kum begrenzt. Endlich sehen wir die Wüste, wenn auch nur von Ferne. Wir spüren unsere Knochen, als wir wieder unten sind.

Gegen 18 Uhr fahrt der Zug zurück in Richtung Süden. Ich hatte gehofft noch bei Tageslicht einen Blick auf den Amu Darija Fluss werfen zu können. Er fließt im Osten der Oase vorbei und speist diese wie viele andere mit seinem Wasser. 300 km weiter nördlich fließt er eigentlich in den Aral-See, tut dies aber immer seltener, da seine Vorräte schon lange zu stark genutzt werden. Um 20.30 Uhr fährt der Zug über eine lange Brücke, im Scheinwerferlicht der Brücke sieht der Fluß recht breit aus. Aber vielleicht war das ein falscher Eindruck im fahlen Licht.

Nach einer langen rumpeligen Nachtfahrt durch die Kysil-Kum erreichen wir die legendäre Stadt Buchara.  Unsere hochkompetete Reiseleiterin Galina ist hier zu Hause. Es sei alles in Ordnung dort, berichtet sie. Sie ist über 70 Jahre alt und hat ihr excellentes Deutsch z.T. in  der                                                                               DDR gelernt.

Galina, blaue Jacke in der Mitte und die Gruppe Gelb

Bereitwillig gibt sie uns über ihre Herkunft Auskunft. Ihre Mutter sei Russin und ihr Vater, sie stutzt etwas, Usbeke. Aber das sei eben nicht die ganze Wahrheit, es würden auch viele Tadschiken in Buchara leben und während der Stalinzeit habe jeder in seiner Sowjetrepublik leben müssen. Und so habe er, eigentlich Tadschike, sich offiziell als Usbeke registrieren lassen, um weiter in Buchara leben zu können.

Buchara hat im Gegensatz zu Samarkand eine wirkliche, sehr lebendige Altstadt. Vor allem Abends wird es hier lebendig, eine richtiges Nachtleben gibt es hier. Galina erklärt uns alles, kein historisches Element lässt sie aus. Leider muss sie sich hier von uns verabschieden. Unser nächstes Reiseland Turkmenistan besteht im Zug auf eigenen Reiseleitern. Alle usbekischen Betreuer müssen in Buchara aussteigen.


Turkmenistan


Die Fahrt zur Grenze ist nicht lang. Das Restaurant wird geschlossen, der Zug steht wieder vier Stunden herum, aber wir kriegen wieder nichts von der Kontrolle mit. Nur Bernard, der Chefreiseleiter, hat am nächsten Morgen sehr müde Augen. Wir haben den skurrilsten, was sicherlich eine harmlose Bezeichnung ist, Staat unserer Reise erreicht. Das Visum für ganze zwei Tage war am teuersten, die Bearbeitungszeit am längsten und an der Grenze mussten wir nochmal 12 Dollar, passend in kleinen Scheinen, abdrücken. Der neue turkmenische Reiseleiter begrüßt uns, als wir auf der ersten Station in Merw halten, sinngemäß mit den Worten: 'Ich weiß, was sie über Turkmenistan denken, so eine Art Nordkorea, aber mit viel zu essen und man kann fast umsonst Auto fahren'. In Merw gibt es ein riesiges Ruinenfeld in der Halbwüste zu besichtigen.

Schon auf dem Weg dorthin sehen wir die ersten Portaits des Herrn Nyasov, der sich selbst den Namen Türkmenbaschi gegeben hat. Er ist 2006 gestorben, aber sein Anlitz wird uns über die ganzen zwei Tage hin verfolgen. Vorher Parteichef der gleichnamigen Sowjetrepublik, hat er dieses Land seit der Unabhängigkeit regiert und zu einem völlig abgeschotteten Staat gemacht. Neutralität wurde sogar in der Verfassung niedergeschrieben, es gibt sogar ein Neutralitätsdenkmal. Im Gegensatz zu Usbekistan gibt es keine NATO-Stützpunkte, man will keinen Krach mit dem großen Nachbarn Iran haben. Aber auch mit dem NATO-Land Türkei versteht man sich prächtig, die Sprachen sind fast gleich. Und so haben sich türkische Baufirmen an den unglaublichen Protzbauten der Hauptstadt Aschgabad eine goldene Nase verdient. Turkmenen, so erfahren wir, brauchen für alle Länder dieser Welt ein Visum. Der visafreie Reiseverkehr vieler Ex-Sowjetrepubliken gilt hier nicht. Es gibt Eisenbahnzüge nur für den Binnenverkehr auf der alten transkaspischen Strecke. Unser Registan-Zug ist wirklich der einzige, der die Grenze überquert, zweimal im Jahr.


Herr Nyasov in Gold

Wie funktioniert ein solcher Staat? Herr Nyasov selig hat für alles gesorgt. Gas, Strom, Salz(!), Benzin bis zu einer Obergrenze, alles umsonst. Autos gibt es jede Menge, die Straßen sind perfekt asphaltiert. Alles ist in diesem Land staatlich organisiert. Wie wird das finanziert? Durch Gasverkäufe! Das Land sitzt auf riesigen Mengen Erdgas, die über Russland weitertransportiert werden. Auch in den Iran gibt es eine Pipeline.  Und es fehlt im Wüstenstaat Turkmenistan mit seinen 5 Mio. Einwohnern materiell an nichts, vor allem aber nicht an uniformierten und anderen Wächtern der Sicherheit.

Als wir durch die menschenleeren Ruinenfelder gefahren werden, begleitet uns ein Fernsehteam. Es weicht die ganzen zwei Tage nicht von unserer Seite. Der Sonderzug und seine Reisenden müssen etwas sehr besonderes sein, so dass man ausführlich über sie berichten muss. Und dann gibt es noch eine Limousine mit vier extrem unauffälligen Herren, die bei 33 Grad einen schwaren Anzug mit Krawatte tragen. Sie sind immer in unserer Nähe.

Zurück im Zug fahren wir über Nacht nach Aschgabad. Es ist die letzte Nacht im gemütlichen Silk-Road-Express. Wir überfahren mehrfach den Kara-Kum-Kanal, der jede Menge Wasser aus dem Amu-Darija abzweigt, er kriegt allerdings zusätzliches Wasser aus einer Reihe von kleineren Flüssen aus dem schneebedeckten Gebirge, das uns linkerhand begleitet. Auf seinem Grad verläuft die Grenze zum Iran.

Am nächsten Tag rollt der Zug in Aschgabad ein, das Fernsehteam und die 'weitere' Begleitung sind immer dabei. Herr Nyasov war nicht einfach nur ein diktatorischer postsowjetischer Präsident wie Karimov in Usbekistan oder Naserbajew in Kasachstan, er war offensichtlich eine äußerst skurille Persönlichkeit. So hat er beispielsweise die Monate nach Mitgliedern seiner Familie umbenennen lassen. Nach seinem Titel Türkmenbaschi (Vater der Turkmenen) hat er eine Hafenstadt am Kaspischen Meer umbenennen lassen. Aschgabad wird noch viele Jahrzehnte städtebaulich von seinen protzigen Vorstellungen geprägt sein. Er selbst hat sich ganz bescheiden noch zu Lebzeiten ein goldenes Denkmal (siehe oben) setzen lassen. Natürlich wohnt er jetzt in einem gewaltigen Mausoleum nebst entsprechender Moschee. Nationalmuseum und -theater, Regierungs- und Parlamentsgebäude (wozu eigentlich?), zahllose Denkmäler, Wohnhochhäuser, Boulevards mit üppigen Beleuchtungsanlagen, Stadtautobahnen prägen das Bild. Wasserspiele entlang der Plätze und Boulevards sorgen bei 35 Grad für angenehme Kühle im Wüstenstaat. Ein Kanal quer durch die Stadt zweigt vom Kara-Kum-Kanal ab. Eine Hauptstadt muss schließlich an einem markanten Gewässer liegen. Nachts wird die Stadt illuminiert in vielen Farben. Zu guter letzt kriegen wir noch eine turkmenische Folkloreshow geboten natürlich mit Turkmenbaschi als Bühnenbild zum Abschiedsessen im Hotel geboten. Um 10 Uhr verabschieden wir uns von der Gruppe Gelb, ihr Rückflug ist über Nacht über Baku nach Frankfurt. Leider ist unsere sympathische Mitreisende Dagmara ernstlich krank. Sie fliegt trotzdem.

Am nächsten Morgen wartet auf uns ein Jeep, der uns mit einer turkmenischen Begleiterin an die iranische Grenze bringen soll. Die ist nur 40 km entfernt, aber schon nach 15 km müssen wir den Jeep an einer Art Vorkontrolle  wieder verlassen. Er habe keine Erlaubnis bis zur Grenze zu fahren, sagt die Begleiterin. Wir müssten auf einen Shuttle-Bus umsteigen. Dieser entpuppt sich als VW-Bus, der etwa einmal alle Stunde hin-und herfährt. Vor uns warten Reisende für ca. 3 VW-Bussse . Der Begleiterin ist die Wichtigtuerei der Grenzposten peinlich. Ein Agent eines örtlichen Reisebüros wird aktiv und überredet einen Geschäftsmann, dessen übergroßes Fahrzeug viel Platz hat, uns mitzunehmen. Alles muss auf einmal sehr schnell gehen. Es geht hoch hinauf ins Gebirge, auf keinen Fall fotografieren, wurde uns eingebleut. Wir sind etwas nervös nach unseren Erfahrungen vor 5 Jahren was Grenzübergänge in Zentralasien angeht. Am eigentlichen Übergang in über 2000 m Höhe ist es immer noch recht heiß. Die Turkmenen sind pingelig, Passkontrolle, Zollkontrolle, nochn' Formular, Vorkontrolle, Hauptkontrolle, alles wird umständlich per Hand in Kladden eingetragen. Nach über einer dreiviertel Stunde dürfen wir unsere Rollrucksäcke 20 m auf die iranische Seite rollen.


Iran 

Jetzt sind wir also im Mullah-Staat, dem 'Reich des Bösen' angekommen. Die Abfertigung geht erstaunlich schnell, nach 20 min werden unsere Vornamen aufgerufen, die Visa sind gestempelt, keine Zollkontrolle. Zwischendurch taucht ein kleiner Mann in den 50igern auf und stellt sich als unser iranischer Reiseleiter vor. Aus Gründen, die später in diesem Bericht deutlich werden, nenne ich ihn Abdulla. Das ist nicht sein richtiger Name, der uns natürlich bekannt ist.

Nachdem wir für die  40 km herauf über drei Stunden gebraucht haben, brauchen wir für die 250 km nach Maschad, unserer ersten Station im Iran, genauso lange. Wir fahren durch eine großartige Gebirgslandschaft talwärts und dann auf einer Autobahn nach Osten. Irene hat an der Grenze vorschriftsgemäß ein Kopftuch übergeworfen, aber einen Mantel hat sie nicht an, sondern eine Bluse mit Hose. Das sei in Ordnung so, meint Abdulla. In einigen Reiseführern wird ein Mantel bis zu den Knöcheln als Vorschrift erwähnt, es scheint auf Ausländerinnen nicht zuzutreffen, denn alle iranischen Frauen haben einen Tschador an oder einen Mantel etwa bis zu den Knien.

Der Fahrer und Abdulla haben Hunger, man kenne ein gutes Restaurant an der Strecke. Das Restaurant ist sehr voll, hat eine glitzernde Dekoration. Wir kriegen ein deutsches Fähnchen auf den Tisch gestellt und werden beäugt. Abdulla überredet uns zu Kebab. Es stellt sich als Hackfleischmasse heraus, die auf Metallspieße gepresst wird. Der Kellner bringt uns Unmengen solcher Spieße, sie schmecken gut, obwohl wir nicht so große Freunde von Hammelfleisch sind. Gemessen an den Gebirgen von Lammkotlets, die an die Nebentische geschleppt werden, liegt bei uns eher wenig auf dem Teller, wir haben aber trotzdem keine Chance, dass alles zu essen. Der Fahrer lässt sich das übriggebliebene Fleisch einpacken. Abends kriegen wir wir im Hotel dasselbe nochmal vorgesetzt, aber diesmal schmeckt es sehr hammelig.

Maschad ist eine Millionenstadt. Wir machen zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem iranischen Straßenverkehr. Für unsere Verhältnisse ist er chaotisch, es scheint das Recht des Stärkeren zu gelten, Ampeln haben haben nur eingeschränkt eine Funktion, irgendeiner gibt halt immer nach. Die Straßen sind voll, viele Fahrzeuge recht alt, vor allem Lastwagen, und entsprechend riecht es. In den folgenden Orten hatten wir uns dann halbwegs an das System gewöhnt, bis wir am Schluss in Teheran angekommen sind. Davon später.

Maschad ist eine Pilgerstadt in der Nähe der afghanischen Grenze. Die Pilger kommen zum wichtigsten iranischen Heiligtum auf iranischen Boden, dem Mausoleum des 8. Imam. Die anderen Heiligtümer befinden sich im Irak und in Saudi Arabien. 'The Holy Shrine' mit seiner goldenen Kuppel ist riesig, Menschenmassen sind dort unterwegs, Irene muss einen Tschador überwerfen, kommt mit diesem großen Tuch, denn nichts anderes ist ein Tschador, kaum klar. Kameras müssen abgegeben werden, es gibt Eingangskontrollen ähnlich wie in Flughäfen. Abdulla hat uns einen englischsprachigen Führer besorgt, der uns bereitwillig Auskunft auch über allgemeinere Fragen des Islam gibt. Irgendwann spricht uns ein Mullah in perfektem Deutsch an, er hat in Hamburg gelebt.  Es ist der erste von vielen Moscheekomplexen, die wir besuchen werden.

Begegnungen: Selten sind wir in einem Land von Menschen so oft direkt angesprochen worden wie in diesem Land, nie aufdringlich, aber immer sehr interessiert an uns. Zuerst sind es immer zwei Fragen, die meist auf Englisch gestellt werden:    - Wo kommt ihr  her?    - Was denkt ihr über den Iran?   Abdulla hat das gegenüber anderen Ausländern auch getan, allerdings um eine weitere Frage ergänzt   -  Was habt ihr schon gegessen?  - Nun würde ich in Deutschland nie einen Ausländer fragen, ob er denn schon Eisbein oder Schweinebraten gegessen hat. Aber wir werden uns ja noch oft über ihn wundern müssen.

Die Frau im Tschador: Im sehr sterilen Restaurant im Keller unseres Hotels kommt eine schwarzgewandete Frau im Tschador auf Irene zu und spricht sie sehr freundlich auf Farsi an. Sie redet eine Weile, wir wüßten gerne, was sie sagt. Dann tätschelt sie ihr die Wange und verabschiedet sich. Wir sind verblüfft !  Mir nickt sie lediglich zu und geht weiter.

Die Hausfrau aus Teheran: Abends soll unser Zug nach Yazd fahren. Erst sagt uns Abdulla, wir könnten das Zimmer bis 20 Uhr behalten, dann müssen wir doch um 14 Uhr raus und sitzen endlos in der Hotellobby herum. Eine Frau in den 40igern spricht uns auf Englisch an. Sie hat ihr recht verständliches Englisch aus einem Buch gelernt. Sie sei eine Hausfrau, wohne in Teheran und habe zwei Söhne in den zwanzigern, wir erwähnen, dass unsere Kinder auch in diesem Alter sind. Wir reden über Kinder, dann kommt bald die Frage Nr. 2. Wir reden ein bischen herum, erwähnen die Kopftuchpflicht. Sie sagt 'We don't like it'. Einige mehr haben es später gesagt. Sie würde uns gerne in ihr Haus einladen, aber Abdulla taucht endlich auf und will mit uns in eine weitere Sehenswürdigkeit gehen. Das Gespräch ist leider zu Ende.

Der Bahnhof von Maschad ist pompös und groß. Nach weiteren Sicherheitskontrollen beziehen wir ein sehr luxuriöses Abteil im recht moderen Schlafwagen nach Yazd. Der Zug ist voll belegt, Fahrkarten werden nochmal kontrolliert, Essen wird serviert. Um 22 Uhr setzt er sich Bewegung. Die Strecke ist auf keiner unserer Karten eingezeichnet, offensichtlich neu erbaut, der Untergrund solide gearbeitet, es rumpelt kaum. Sie geht Richtung Südwesten durch die Wüste Lut, eine der großen iranischen Binnenwüsten. In der Morgendämmerung können wir die völlig vegetationslose Stein- und Lehmwüste bewundern. Ab und zu sieht man eine Fahrspur im Nichts verschwinden. Abends hatte es in Maschad wie aus Kübeln gegossen, der erste Regen seit drei Monaten. Auch hier in der Wüste stehen noch Pfützen neben dem Bahndamm, ein unwirklicher Anblick.

Gegen 12 Uhr erreicht der Zug Yazd, eine Oasenstadt im geografischen Zentrum des Iran. Die Stadt ist für dortige Verhältnisse nicht sehr groß, hat eine verwinkelte Altstadt, einen großen Moscheenkomplex, aber hauptsächlich ist sie wichtigster Ort der zorastrischen Religion, die aus der altpersischen Zeit stammt und auf den Religionsgründer Zarathustra zurückgeht. Wir besichtigen den Feuertempel, das wichtigste Heiligtum. Immer noch leben im Iran einige hunderttausend

Frauen im Feuertempel

Anhänger der Religion im schiitischen Iran. Sie ist ähnlich wie das Judentum mit immer noch einigen zehntausend Mitgliedern nicht verboten. Etwas außerhalb der Stadt stehen auf zwei Hügeln eine weitere zoroastrische Sehenswürdigkeit, die Reste der Türme des Schweigens. Hier wurden Verstorbene solange aufgehängt, bis Geier ihr Fleisch verzehrt hatten, die Gebeine danach unterhalb der Türme bestattet.

Drei junge Frauen:  In einem der schönen Gärten von Yazd sprechen uns drei junge Frauen an. Für iranische Verhältnisse locker gekleidet haben sie modische Rucksäcke, die fast bis zum Po durchhängen. Sie kommen aus dem Süden, eine von ihnen hat einen Master in England gemacht. Sie wollen ein Foto von uns machen und stellen uns die üblichen Fragen. Ich antworte auf Frage Nr. 2 betont höflich: 'Well, it's an unusual country.' Antwort: 'It's an unusual country, even for us.' Für uns hat niemand sonst auf der Reise die Lage in diesem Land so auf den Punkt gebracht.

Die Weiterreise treten wir mit Abdullas Privatauto an, einem Renault 'Made in Iran'. So ist es vereinbart. Wir müssen allerdings schon hier feststellen, dass er große Orientierungsschwierigkeiten hat. Ununterbrochen fragt er Leute nach dem Weg, findet letztlich das Ziel immer, oft mit Umwegen. Wir fahren zuerst etwa 60 km nach Südosten in die Wüste hinein auf einer sechsspurigen Autobahn. Unser Ziel ist die Karawanserei von Zeyn al-Din, ein sehr einsamer Ort, heute zu einer Art Hotel umgebaut, leider sehr dicht an der Autobahn. Das Gedröhne der LKW ist ständig präsent. Die Boykottpolitik des Westens scheint bei  besonders bei LKW eine Wirkung zu haben. Es gibt unendlich viele alte amerikanische Mack-Trucks und schwere Mercedes-LKW mit Schnauze aus den 70iger Jahren. 80% der Transportlogistik scheint mit diesen lauten und qualmenden Old-Timern bewältigt zu werden.

Als wir über Mittag in einem Restaurant in einer Oase in der Nähe auf iranisch halbliegend auf dem Boden sitzen, geht ein Wolkenbruch nieder. Zurück in der Karawanserei machen wir nachmittags eine lange Wanderung in die Wüste hinein. Als die Karawanserei nur noch sehr klein zu sehen ist, merken wir auf einmal, wie still es hier ist, die Autobahn ist nicht mehr zu hören. Der Regen hat die Wüste gelb werden lassen. Wildwachsender Raps ist aufgeblüht und leuchtet in der Sonne. Das Dach der Karawanserei ist begehbar , trotz der Autobahn ist die Stimmung in den Abend- und Morgenstunden überwältigend.

Es war eine gute Idee unseres Reisveranstalters, uns hierher zuschicken, Denn sonst waren unsere Hotels immer mitten im Großstadtgewühl. Ruhig und entspannend allerdings waren unsere sogenannten 'Traditionel Hotels' in den Altstädten von Yazd, Shiraz und Isfahan, alle in verwinkelten Gassen gelegen meist mit den Fenstern zum Innenhof. Sobald der dortige Restaurantbetrieb zwischen 22 und 23 Uhr aufhört, ist es sehr ruhig. Die Stadt spürt man nicht. Alkohol und die zugehörenden Exzesse gibt in diesem Land nicht, auch das trägt zur Ruhe bei. Nur um 13 und um 20 Uhr übertönt der Muezzin mit geballter Lautsprecherkraft alles andere. Um 5 Uhr morgens dagegen hört man seinen Gesang nur dezent.

Wir fahren ein Stück Richtung Yazd zurück und werden das einzige Mal auf der Reise an einer der vielen fest installierten Strassensperren kontrolliert. Abdulla ist sehr nervös, zeigt unaufgefordert seinen Reiseleiterausweis. Wir fahren an der Stadt südlich vorbei und landen schließlich auf der Autobahn von Isfahan nach Shiraz. Mit Pausen sind wir 7 Stunden unterwegs. 40 km vor Shiraz liegt Persepolis nahe der Strecke. Man könne doch gleich hinfahren, schlägt Abdulla vor, mehr als als 1 Stunde würde die Besichtigung eh nicht dauern. Wir runzeln die Stirn und lehnen dankend ab. Immerhin fährt er auf der Autobahn sehr zivilisiert. Aber sobald er seine Heimatstadt erreicht hat, fängt er an zu fahren wie ein Henker. Er drängelt, hupt und lichthupt, fährt extrem dicht auf. Wir verbuchen das unter 'Landessitten'.

Shiraz ist der südlichste Ort unserer Reise, sein Breitengrad liegt auf der Höhe von Kuweit. Uns wurde schon vorher von der Hausfrau aus Teheran gesagt, wie schön diese Stadt vor allem im Frühjahr sei, die Blumenpracht in den Gärten sei überwältigend. Sie hat in vollem Umfang recht gehabt. In dieser Stadt gibt es viele parkähnliche Gartenanlagen. Sie leuchten in allen Farben. Es ist 35 Grad heiß und die Wasserspiele der Anlagen spenden angenehme Kühle. Es gibt sogar einen Wasserfall, aber nur in den Abendstunden wird er 'angeschaltet'. Es geht erstaunlich locker zu, auch zwischen den Geschlechtern. Immer haben wir Iraner als freundliche, zugewandte Menschen erlebt, oft aber auch angespannt und bedrückt. Ob es die religiösen Vorschriften von Staat und Gesellschaft liegt oder am Frust, als 3000 Jahre altes Kulturvolk im Westen als Paria angesehen zu werden, wir haben es nicht in Erfahrung bringen können. Letzteres ist natürlich der Hintergrund der Frage 'Was denkt ihr über den Iran'?!  Das sie aber ein stolzes und selbstbewußtes Volk sind, das ist offensichtlich.

Der Lehrer: In einer alten, halb verfallenen Moschee direkt hinter unserem Hotel in Shiraz spricht uns ein Mann an. Der Endfünfziger stellt sich als Lehrer vor. Ich erwidere, ich sei auch einer. Wir kommen darüber ins Gespräch. Er beklagt sich und sagt, dass in seinem Staat unser Beruf nicht respektiert sei und die Bezahlung obendrein sehr schlecht. Zwei Männer verfolgen stumm unser Gespräch (in Englisch). Nach einer Weile bedeuten sie ihm etwas in Farsi. Der Lehrer mustert sie, beendet das Gespräch, verabschiedet sich höflich und geht seiner Wege.

Der Bahai:  Abdulla sucht einen Parkplatz. Wir stehen vor einer Pizzeria und wollen eine iranische Pizza probieren. Ein über 60ig-jähriger Mann spricht uns an und stellt sich als Bahai vor, einer verbotenen und verfolgten Religionsgemeinschaft. Er erläutert uns in Kürze einige Merkmale der Religion. Wegen der Verfolgung sei seine ganze Familie bereits nach Kanada ausgewandert. Wir fragen, warum er noch da sei? Er müsse dann sein Haus und sein Auto zurücklassen, dafür habe er sein ganzes Leben gearbeitet.  Abdulla taucht auf, der Mann sieht ihn, grüßt und geht weg.

Am nächsten Tag fahren wir nach Persepolis, sicherlich ein Highlight jeder Iran-Reise. Hier fällt uns Abdulla so richtig unangenehm auf. Normalerweise war er bisher nicht in Lage irgendeine Erklärung zu den von uns besuchten Sehenswürdigkeiten zu geben (z.B. "Wann wurde diese Moschee dort gebaut?" -"Na alt ist sie, sehr alt!"). So haben wir vorher sehr ausführlich unseren detailierten Reise- und Kunstführer studiert und dann versucht, uns vor Ort zu orientieren. Doch in Persepolis wollen wir unbedingt einen kundigen Führer vor Ort haben. Ein junger Mann bietet sich an, uns auf Englisch zu führen. Abdulla ist tödlich beleidigt oder tut somindest so. Er stänkert rum, natürlich auf Farsi, der junge Mann ist eingeschüchtert. Was stört ihn, hat er Angst, dass der junge Mann uns auf Englisch - das versteht Abdulla kaum - uns Dinge aus der altpersischen Geschichte erzählt, die mit seinem religiösen Weltbild nicht übereinstimmen?  Denn unser Reiseleiter ist sehr religiös. Jeden Mittag verabschiedet er sich kurz, um zu beten.

Der junge Mann erläutert uns die Fülle der Reliefe sehr detailiert , weißt uns auf Einzelheiten hin, die wir ganz sicher übersehen hätten. Er gibt uns viele Erklärungen zur altpersischen Geschichte, fast zwei Stunden lang. Abdulla hat sich nach 15 min verabschiedet und wartet in einem Cafe. Als wir den Jungen fragen, wie viel wir ihm bezahlen sollen, wird er ganz einsilbig. Dass müssten wir mit unserem Reiseleiter ausmachen. Abdulla nennt schließlich eine Zahl, wir bezahlen ohne murren, der junge Mann war sein Geld wert. Was denkt er über unseren famosen Reiseleiter?  Wir erfahren es nicht.

Das Grabmal von Darius und Co

Abdulla sorgt weiter für Ärger. Er telefoniert ständig mit der Reiseagentur. Grund: Er will die nächste Reiseetappe nach Isfahan über die schon teilweise von uns befahrene Autobahn entlang der Wüste fahren und nicht auf einer Route über das Gebirge, so wie das in unserer Reiseplanung vorgesehen ist. Das sei doch viel schneller. Wir bestehen auf der vorgesehenen Route. Am Schluss der Etappe wird er dann sagen, die Strecke sei er noch nie gefahren und finde sie nun doch sehr interessant. Er ist übrigens sehr vorsichtig gefahren! Es ist eine wirklich sehr spektakuläre Fahrt über mehrere Pässe des Zagros-Gebirges, durch Täler voller Obstbäume mit ganzjährig fließenden Flüssen. Die Berge sind schneebedeckt, auf Hochweiden grasen Kühe und Schafe, was für ein Kontrast zur Wüste auf der östlichen Seite des Gebirges, durch die wir dann doch das letzte Stück auf der Autobahn fahren müssen.

Isfahan ist auch eine weitere Millionenstadt, aber es ist vor allem die beindruckenste Stadt auf unserer Reiseroute. Es ist sicherlich der architektonisch wichtigste Ort der islamischen Geschichte Persiens. Iran übrigens heißt dieser Staat erst 1935. Es bedeutet 'Land der Arier'. Der deutsche Botschafter soll damals beratend tätig gewesen sein.  Rund um den heutigen Khomeni-Platz liegend die imposantesten Gebäude dieses Staates. Die prächtige Imam-Moschee mit ihrer charakteristischen Kuppel sei stellvertretend genannt.

Abdulla setzt, was seine 'Reiseleiter'-Fähigkeiten angeht noch einen drauf. Das große Gebäude am Südrand des Platzes, eben jene Moschee, sei eine Schule und könne jetzt nicht besichtigt werden. Wir haben größte Zweifel, gehen hin und siehe da, dort tobt das Leben. Dort werden gerade die Gebetsteppiche für das Freitagsgebet wieder eingerollt. Abdulla übergeht seine 'Notlüge' mit der Bemerkung, na ja, das sei eben die Freitagsmoschee der Stadt. Die aber liegt laut Reiseführer 20 Fußminuten entfernt am entgegengesetzten Ende des Basars, der wiederum am Nordende des Khomeni-Platzes beginnt. Am nächsten Tag scheuen wir ihn durch den Basar und finden die Freitagsmoschee, ebenfalls ein großer Komplex, aber am Samstagmittag eher leer. Eine Art Moscheewächter weist meine Frau an, sie müsse einen Tschador überwerfen und gibt ihr ein ziemlich dreckiges Tuch. Kurze Zeit später sagen zwei Frauen zu ihr, sie solle das Ding sofort wieder ausziehen, dass sei hier im Innenhof überhaupt nicht vorgeschrieben. Der Fetzen landet in einer Kiste.

Das Fernsehteam: Im Garten des Chehel Sotun Palastes werden wir von einer Gruppe junger Leute angesprochen, sie arbeiten für einer Fernsehsender. Sie stellen die üblichen Fragen und wir landen in unserem Gespräch sehr schnell bei der Atombombe. Dann mischt Abdulla sich massiv ein, sein bisher übelster Auftritt. Er lasst sich von den jungen Leuten ihren Presseausweis zeigen. Es kommt zu einer heftigen Konfrontation. Ich sage, dass ist unser Guide. Ob wir den nicht loswerden könnten, fragt einer der jungen Männer. Aber dann machen sie einen Rückzieher und sagen, wegen diesem Guide könnten sie uns nun doch nicht interviewen. Als wir mit der Besichtigung des Palastes fertig sind, kommen sie wieder und wollen doch interviewen. Es sind sechs Leute, drei verwickeln Abdulla in eine Diskussion, eine junge Frau filmt mit einer Fotokamera, einer hat ein Micro und der letzte stellt die üblichen harmlose Fragen 'Was denken sie über...?' Nach meiner Meinung zum Atomprogramm fragen sie nicht. Das Ganze dauert 5 Minuten. Die jungen Leute seien äußert unhöflich gewesen, meint Abdulla später. Ich wiegele ab.

Was ist noch beeindruckend an Isfahan? Die Stadt ist unglaublich grün. Alle größeren Straßen sind Alleen. Überall verlaufen kleine Kanäle, die von Zeit zu Zeit geflutet werden. Südlich am Stadtrand beginnt das schneebedeckte Zagros-Gebirge und liefert das begehrte Nass. Etwas ganz besonderes ist der Fluss, der recht breit durch die Stadt fließt und zumindest bis zum Sommer reichlich Wasser führt.  Vier alte, zum Teil doppelstöckige Brücken sind heute des Fußgängern vorbehalten. Junge Leute haben die Hosenbeine hochgekrempelt, laufen antlang der Brücke durch den nicht sehr tiefen Fluss, der hier über ein kleines Wehr fällt. Wir finden entspannte und lockere Leute vor. Es werden reichlich Eis und Süßigkeiten konsumiert. Eine chinesische Touristengruppe, die unaufhörlich fotografiert, erregt Aufsehen. Isfahan ist wirklich eine Reise wert.

Auch die nächste Etappe ist erstmal wieder mit Diskussionen verbunden. Die Agentur hatte auf dem Weg nach Kaschan, unserem nächsten Ziel, einen Abstecher nach Abanyed vorgesehen. Auch hier hat Abdulla schlichtweg keine Lust auf einen Umweg. Andere Motive können wir nicht erkennen. Die Spritkosten können es nicht gewesen sein, ein Liter Benzin kostet weniger als 10 Cent. Wir bestehen auf dem Abstecher, allmählich kriegen wir Routine. Natürlich lohnt sich der Abstecher. Runter von der Autobahn, führt eine eher schmale Straße ins Gebirge hinein, ein Tal aufwärts voller Obstbäume. Der Ort ist eher ein großes Dorf. Die alten Häuser sind in Form und Farbe perfekt dem Gebirge angepasst. Er ist ein weiteres Zentrum der Zoroasrier. Ihr Feuertempel ist leider geschlossen, zuviel Schmiererei und Vandalismus heißt es. Wir müssen mit einer kleinen Moschee vorliebnehmen, deren Wände voll sind mit Fotos von Märtyrern aus dem Irak-Krieg. Wir laufen durch die stillen Gassen. Nur alte Leute treffen wir an, die Männer tragen rockartige weite Hosen, die Frauen bunte Kopftücher und Röcke, ungewöhnlich in diesem Land.

Dorftrasch im Zentraliran.

Kaschan ist nicht weit entfernt, eine mittelgroße Stadt, die man nicht besuchen müsste, gäbe es dort nicht eine Anzahl großbürgerlicher Häuser aus dem 19. und frühen 20.Jahrh.. In ihrer Weitläufigkeit und üppigen Ausgestaltung im Inneren läßt der Reichtum des persischen Großbürgertums erahnen. Die meisten haben ihr Geld mit Teppichen gemacht. Heute sind alle Gebäude Museen. Außerdem gibt es einen Ausgrabungshügel zu bewundern, dessen Anfänge vermutlich in der Eisenzeit liegen.

Unsere letzte Etappe in Abdullas Auto nach Teheran steht an. Auf dem Weg dorthin passieren wir den Ort Natanz. Der Name dieser Stadt ist in westlichen Zeitungen oft präsent in Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm. Her soll eine der Urananreicherungsanlagen stehen, mit deren Hilfe der Iran eine Atombombe bauen will, so die Vorhaltungen des Westens. Die Stadt wäre eines der vorrangisten Ziele im Falle eines israelischen Angriffs gegen das iranische Programm. Abdulla verweist freimütig auf ein Fabrikgebäude neben der Autobahn. Wir haben ihn nicht gefragt, ein vorheriger Versuch, das Thema zu diskutieren, endete ziemlich unerfreulich. Dies sei eine Atomfabrik, erklärt er stolz. Was für eine Fabrik genau, frage ich, ein Kraftwerk? Ja, ja ein Kraftwerk. Aber es fehlen die für ein Kraftwerk typischen Strommasten. Auf einem Schild lesen wir im Vorbeifahren irgendwas mit '...steelworks'.

Auf dem Weg nach Teheran liegt das geistige Zentrum des iranischen Systems und damit des schiitischen Islam, die Stadt Qom. Hier hat Khomeni studiert, selbst gelehrt und seinen Aufstand gegen den Schah begonnen. Hier werden alle Mullahs des Landes ausgebildet. Obwohl diesmal kein Umweg notwendig ist, versucht Abdulla uns den Besuch auszureden. Er verhält sich sehr merkwürdig. Will er uns Ungläubige von der heiligen Stadt und nach Maschad zweitheiligsten Schrein im Iran fernhalten? Wir bestehen auf dem Besuch. Wieder eine Millionenstadt mit viel Hektik und Verkehr. Mullahs prägen das Bild der Stadt und hier gibt es wirklich nur Frauen im schwarzen Tschador zu sehen. Irene fällt hier wirklich sehr auf. Wir betreten den Schrein um ca. 11 Uhr. Überraschenderweise gibt dort anders als in Maschad keine Sicherheitskontrollen, die Kamera muss nicht abgegeben werden und Irene muss keinen Tschador überziehen. Es gibt ein Besucherzentrum, Abdulla lotst uns ganz schnell dorthin, offensichtlich ist es ihm unangenehm wenn wir in den großen Höfen herumstehen und beäugt werden. Ein sehr schücherner Mullah bittet uns in einen Raum, wir kriegen ein paar englische Bücher über den Islam hingestellt, einen Fruchtsaft gibt es auch. Abdulla verschwindet, der Mullah auch, keine weitere Erklärungen, keine kundige Führung, wir sitzen herum. Dann kommen sie zurück und Abdulla erklärt stolz, dass er drei Essengutscheine ergattert hätte für ein Restaurant im Souterain des Schrein. Wir seien eingeladen, aber das Essen fange erst nach dem 13 Uhr Gebet an. Und er selbst müsse jetzt auch noch beten. Wir dachten, dass er das doch gerade gemacht habe. Wir laufen entnervt durch das Stadtzentrum. Es wird eine U-Bahn gebaut. Das Restaurant entpuppt sich schließlich als eine Art riesige Cafeteria. Es gibt einheitlich für alle Huhn mit einem Berg Reis zugeschüttet, Jogurt und Wasser. Es sind offensichtlich viele irakische Pilger anwesend. Woher er das wisse, frage ich Abdulla? Sie sprächen Arabisch, sagt er, dass sei seine Muttersprache, er komme aus Abadan gegenüber dem irakischen Basra.

Zurück am Auto ist erstmal der Reifen platt. Den Reifen wechseln und einen neuen besorgen, kostet seine Zeit. Es sind nur noch hundert Kilometer bis Teheran und es ist später Nachmittag geworden. Nachdem wir einen großen Salzsee passiert haben, erreichen wir die südliche Stadtgrenze. Die 15 Mio. Stadt liegt vor uns. Die Bebauung endet im Süden am Salzsee, nordwärts steigt das Gelände stetig an und im Norden wird die Stadt vom Elbrus-Gebirge begrenzt. Das Stadtgebiet wird nach Norden immer steiler und endet schließlich am Fuß des Damavand, mit über 5000 m der höchste Berg im Iran. Unser Hotel liegt im nördlichen Teil in der Innenstadt.

Eigentlich wäre es laut Stadtplan ganz einfach dahin zugelangen, denken wir. Erst nordwärts auf einer Stadtautobahn zum Assadi-Denkmal, dann nach Osten geradeaus auf einer Hauptverkehrsachse in die Innenstadt. Aber Abdulla fährt falsch, er biegt auf die falsche Autobahn nach Osten ab und landet hinter dem Bahnhof. Seine Durchfragemethode findet hier ihre Grenzen. Wer weiß den schon im armen Süd-Teheran, wo die Mussavi-Strasse in Nord-Teheran liegt. Wir sagen, bergauf müssen wir fahren. Endlich fährt er auf einer Hauptstrasse nach Norden. Der Verkehr wird immer dichter, in der Nähe des Basars geht gar nichts mehr. Unsere Straße ist vierspurig Richtung Norden, nur einspurig Richtung Süden, die Busspur. Viele Teheraner auf ihren niedrigtourigen Motorrädern benutzen die Spur um den Stau nach Norden zu umfahren solange bis halt der nächste Bus kommt. Als einer der wenigen Autofahrer tut Abdulla es ihnen gleich, der Renault mischt sich kühn unter sie, nur kann er natürlich nur schwer nach rechts ausweichen wenn ein Bus kommt. Er löst einen regelrechten Busstau aus. Es ist erstaunlich wie gelassen die Busfahrer das ertragen. Ja, das sei eben Teheran, meint er, er habe uns ja schon vorher vor dem Teheraner Verkehr gewarnt. Um 19 Uhr sind wir schließlich erschöpft im Hotel, 2 Stunden für 20 km.

Wir haben noch zwei Tage und beschließen, zunächst mit der Seilbahn hoch hinaufzufahren. Zwei davon soll es geben, eine hinauf auf den Damavand, die andere auf den benachbarten Towchal, ca 4000 m. Was für eine Wohltat Taxi zu fahren nach dem gestrigen Tag. Der Fahrer bringt uns zum höchstmöglichen Punkt zum Damavand hin. Die Straßen werden immer steiler, die Häuser immer feiner. Aber die Seilbahn fährt nicht. Wir laufen eine ganze Weile ein schluchtartiges Tal aufwärts, unten ist es vollgepackt mit Ausflugsrestaurants. Irgendwann wird es uns zu mühsam und wir kehren um. Der zweite Anlauf ist dann erfolgreicher. Eine Kabinenbahn bringt uns auf etwa 2000 m Höhe. Dort oben liegt uns der Moloch Teheran im Dunst zu Füßen. Weiterhinauf fahren im Winter Skilifte. Schulgruppen machen hier oben Picknick. Von hier oben ist nach Osten und Westen hin kein Ende des Stadtgebiets erkennbar. Nach Süden erkennen wir durch den Smog hindurch den Salzsee.

Nachmittags schauen wir uns die Stadt nochmal von oben aus einer anderen Perspektive an. Zuerst bringt uns ein Taxifahrerin zum Assadi-Denkmal. Ob es denn auch in Deutschland Taxifahrerinnen geben würde, fragt sie. Wenige, antworte ich, Taxifahrer müssten ihr Geld oft in der Nacht verdienen und auch Betrunkene nach Hause fahren. Dass sei nicht so angenehm für Frauen. Das gebe es in Teheran nicht, sagt sie, hier sei es sicher. Aber die Staus seien furchtbar, die ewige Herumsteherei. Aber was soll ich machen, sagt sie, sie hat vier Kinder und käme ohne das Taxi nicht über die Runden. Vom in der Schahzeit gebauten pompösen Assadi-Denkmal fahren wir zum Milad-Fernsehturm, 435 m hoch. Die Aussichtsplattform ist offen, mit einem Gitter umgeben. Die Abenddämmerung setzt ein und und auf den Stadtautobahnen glitzern die Lichter der Autos im Stau. Es sieht aus wie ein großmaschiges Gitter.

Zurück im Hotel dann die Überraschung: Abdulla verabschiedet sich von uns. Eigentlich wäre sein Job erst mit uns erst morgen Abend auf dem Bahnhof von Teheran beendet gewesen. Er müsse schon morgen früh um 6 Uhr nach Shiraz zurückfahren, am nächsten Tag dürfe er in Teheran mit seiner Autonummer nicht fahren. Er habe am Tag drauf in Shiraz den nächsten Job mit zwei deutschen Journalisten, mit denen er dann eine vergleichbare Tour fahren müsse wie zuletzt mit uns. Nächste Woche sei wieder in Teheran. Nun, wir sind ganz froh, dass er weg ist. Er hat uns genervt mit seinen Fahrkünsten und seinen ewigen Stänkereien, z.B. auch mit Hotelrezeptionistinnen. Besonders beeindruckend war aber seine Ahnungslosigkeit bezüglich der Kultur und Geografie seines eigenen Landes. Er hat aber auch eine gute Seite. Die Menschen im Iran sind uns durch die Bank freundlich, zuvorkommend und respektvoll begegnet. Er war das nicht. Hätten wir ihn nicht als Guide gehabt, wären uns Aspekte dieses Landes verschlossen geblieben, die sich Touristen normalerweise nicht erschließen. Er hat uns ein Stück gesellschaftliche Realität vermittelt.

Der erste abdullafreie Tag im Iran bricht an, der letzte Tag in Teheran. Wir haben uns zum Abschluss den Golestan-Palast und das Nationalmuseum vorgenommen. Dazu gehen wir in den Untergrund, erleben das Abenteuer U-Bahn in Teheran. Das System ist einfach zu verstehen und sehr preiswert. Die Züge fahren nur im 5 min-Takt und sind sehr lang. Der Grund ist offensichtlich, das Gedränge ist extrem, man steht Körper an Körper. Das Aus- und Einsteigen geht trotz viel Geschubses nicht schnell. Vorne und hinten gibt es 'women only' Waggons. Dort ist es eine Spur leerer. Irene berichtet, dass dort auch mal das Kopftuch abgenommen und die Haare neu gerichtet werden.  Auch ohne relgiöse Vorschriften , die den direkten Kontakt zwischen Männern und Frauen in der Offentlichkeit verbieten - Männer geben Frauen nicht mal die Hand und umgekehrt - wären solche Waggons bei einem solchen Gedränge auch anderswo ein Fortschritt.

Gegen 18 Uhr schließlich verlassen wir das sehr angenehme Hotel mit einem Taxi, das erstmal vor Hotelpersonal 'begutachtet' wird und fahren zum Hauptbahnhof in Süd-Teheran. Es dauert eine Weile bis ich herausbekommen habe, wo der internationale Zug in die Türkei abfährt. Irene wird derweilen von Tschador-gewandeten jungen Frauen mit den üblichen Fragen traktiert. Außerhalb des Hauptgebäudes gibt ein 'international terminal'. Dort fährt einmal in der Woche ein Zug nach Ankara. Der andere nach Damaskus verkehrt gerade nicht.  Tickets, Visa und Pässe werden kontrolliert und in Listen eingetragen. Das Gepäck wird durchleuchtet, Unmengen an Kartons und Koffer werden aufgegeben und müssen in einen extra Packwagen. Drei weinende Frauen verabschieden jemand, dürfen nicht hinein in die 'innere' Wartehalle. Winken, wenn der Zug abfährt, dieses alte Ritual funktioniert hier nicht.

Pünktlich um 21 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung. Unser Waggon ist ein alter belgischer, genauso geräumig wie im Zug nach Yazd, aber die Polster sind abgeratzt und das obere Bett ist schief. Wir kriegen ein volles Abendessen, mal wieder Kebab mit Reis, und fahren noch sehr lange durch das Teheraner Häusermeer. Die Geschwindigkeit ist mäßig, für die knapp 1000 km nach Van in der Türkei braucht er fast 24 Stunden. Am Morgen durchfahren wir eine weitere großartige Gebirgslandschaft, von weitem können wir den Urmia-See erkennen, einen der größten Salzseen der Erde. Später fahren wir dicht an seinem Nordufer vorbei. In Täbriz, der zweitgrößten Stadt des Iran, steht der Zug dann zwei Stunden herum, weitere Unmengen an Gepäck werden verladen.

Hinter Täbriz steigt die Strecke unaufhörlich an hinauf in das Hochgebirge Richtung Grenze. Es ist das Gebiet der Kurden, die auf beiden Seiten der Grenze leben. Lange vor ihr findet die iranische Passkontrolle statt, anders als ein der Einreise müssen wir lange warten, wieder steht der Zug zwei Stunden. Dann werden die Namen aller Reisenden aufgerufen, die Pässe verteilt, nur unsere nicht und der eines jungen Burjaten aus der russischen Baikalregion. Ein muffiger Grenzer hat sie in der Hosentasche und rückt sie erst auf Nachfrage heraus. 

Der Auswanderer: Über den Burjaten, der immer erstmal allen Leuten erklären muss, dass er kein Mongole oder Koreaer ist, kommen wir mit einem etwa 30igjährigen Teheraner ins Gespräch. Er ist auf dem Weg nach Ankara in die kanadische Botschaft, in Teheran gibt es schon lange keine mehr. Er will dort nach 6 jähriger Wartezeit seine Einreisepapiere für Kanada abholen. Er habe so die Schnauze voll vom Iran, sagt er, er sehe keine Veränderung unter dem gegebenen Regime als möglich an. Seine Brüder hätten für nichts und wieder nichts im Gefängnis gesessen. Er will nur noch weg. Kanada scheint für einige Iraner das gelobte Land zu sein, ich denke an den Bahai  aus Shiraz. Ein wahrlich ernüchterndes letztes Gespräch auf iranischem Boden.

Vor dem eigentlichem Grenzbahnhof fährt der Zug durch eine enge Schlucht. Eine Schafsherde springt erschocken auf und bergan. Der Zug bleibt stehen, ein Zwischenfall, Zugpersonal rennt nach draußen, es ist jemand verletzt. Der Zug hat den Schäfer erwischt, wie schlimm bleibt unklar. Nach umständlichen Diskussionen wird der Mann auf einer Decke in den Packwagen gehievt. Der Zug fährt ein Stück weiter und kommt an einer parallel verlaufenden Straße wieder zu stehen. Dort wartet bereits ein recht moderner Rettungswagen. Aus der Einöde tauchen Leute auf und diskutieren den Fall. Der Krankenwagen fährt los und wir auch. Erneuter Stop am Grenzbahnhof, Zollkontrolle, findet aber nicht statt.


Türkei

Wieder rollt der Zug, linker Hand steht in Riesenbuchstaben Türkiye am Berghang. An der türkischen Kontrollstelle müssen wieder alle raus, die Pässe werden im Eilverfahren abgestempelt. Iraner haben visafreien Reiseverkehr mit der Türkei, Deutsche auch, aber Türken dürfen umgekehrt visafrei in den Iran fahren, aber keineswegs nach Deutschland. Es wird dämmrig, der Zug fährt talwärts, wir sind im letzten Land unserer Reise angekommen. Unser Handy funktioniert wieder, wir kriegen unseren türkischen Reiseleiter, Sherif Aral, an die Strippe. Er rät uns, schon im Bahnhof Van-Stadt auszusteigen, dann seien wir schneller im Hotel. Er erwartet uns im dunklen Bahnhof. Die anderen Reisenden fahren bis Van-Pier und von dort mehrere Stunden mit einer Fähre über den Van-See nach Tatvan, wo sie ein türkischer Zug erwartet. Welche Absichten dahintersteckten, in den 70iger Jahren die Eisenbahn in den Iran nicht durchgehend zu bauen, wissen wir nicht. Früher wurden die Züge wohl auf die Fähre verladen. Der Wasserspiegel des Sees ist seitdem gestiegen, eine ausgleichende Verladerampe gibt es nicht. Die Passagiere müssen zweimal samt Gepäck umsteigen.

Sherif erwartet uns mit einem 18 (!)sitzigen Mercedes-Bus. Diese völlig überdimensionierten Fahrzeuge werden in der Türkei unser wichtigstes Fortbewegungsmittel werden. Van ist eine Millionenstadt, wirkt aber sehr provinziell. Wir sind todmüde, kriegen aber eine Schreierei auf der nächsten Kreuzung mit, ein kleiner Unfall. Eine Sirene ertönt, ein schwer bewaffnetes, gepanzertes Fahrzeug taucht auf, die Polizeistreife. Erstes Anzeichen des Ausnahmezustandes in der Osttürkei, wir sind im Kurdengebiet. Am nächsten Tag wollen wir die Bergfeste Hosap besuchen. Wir müssen am Stadtrand etwa eine halbe Stunde warten, bis eine endlose Militärkolone die Kaserne verlassen hat. Wir erfahren von Sherif, dass drei Tage vorher Herr Özalan auf seiner Gefängnisinsel einen Pakt mit der türkischen Regierung ausgehandelt hat. Er sieht einen Rückzug der PKK nach Irakisch-Kurdistan vor. Sherif verspricht sich davon Investionen im türkischen Kurdengebiet, z.B. eine Marina am schönen Van-See. Ich hatte bisher vermutet, die Kämpfe zwischen der PKK und dem Militär hätten hauptsächlich in der Nähe der irakischen Grenze stattgefunden. Nein, belehrt mich Sherif, auch in dieser Gegend habe es Anschläge gegeben. 

Nach der Besichtigung der Festung Hosap, einem wichtigen Kontrollpunkt an der Seidenstrsse, hoch über einem Fluss gelegen, fahren wir an den See zur Insel Akmar. Sie ist einer der wichtigsten Wallfahrtsorte für armenische Christen, die bis zum Jahr 1915 zahlreich in der Osttürkei gelebt haben. Sherif erklärt uns seine Version der 'Ereignisse'.  Den Begriff Völkermord nennt er nicht, aber nichts anderes hat dort zu dieser Zeit verübt durch die osmanische Armee stattgefunden. Die 'Ereignisse' selbst, also die systematische Vertreibung der Armenier in die syrische Wüste und die Ermordung von ca. 1 Mio. Menschen, benennt er dann aber doch sehr deutlich. Die Armenier wurde im Ersten Weltkrieg als 5.Kolone des zaristischen Russland angesehen, die Osttürkei war Kriegsgebiet. Das reichte offenbar als Begründung. Auf der Insel zeigt sich Sherif sehr belesen über die armenischen Christen. Er kann auch die kleinsten Details der Kirche erklären. Was für ein Gegensatz zu Abdulla! Am Ende des Tages besuchen wir noch Van-Castle und den Pier. Von oben bekommt man einen Eindruck von der Größe des Sees.

Weiter gehts zum Ararat. Der Berg liegt komplett auf türkischem Gebiet aber im Länderdreieck zum Iran und zu Armenien. Wir übernachten ihm genau gegenüber in einem alten aber netten Hotel auf dem Land, den Berg immer voll im Blick. Vor genau dreißig Jahren haben wir ihn, der sich mit über 5000 m deutlich von den umgebenden Bergen mit durchschnittlich 2000 m Höhe abhebt, zum ersten Mal gesehen von der anderen Seite. Majestätisch dominiert er dort das Stadtbild von Erivan, der Hauptstadt von Armenien.

Wir fahren weiter nach Norden durch die ostanatolische Gebirgslandschaft Richtung Kars. Auf dem Weg besuchen wir Ani. Das große Ruinenfeld war eine mächtige armenische Stadtanlage an der Seidenstraße. Es liegt über einem Canyon, der die Grenze zu Armenien bildet. Auf der anderen Seite ein Wachturm, ein Dorf, nichts weiter ist dort zu sehen. Unter im Canyon erkennt man die Köpfe einer zerstörten Brücke. Die gesamte Grenze ist offiziell geschlossen auf Grund der tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Staaten bezüglich der Nichtanerkennung des Völkermords durch die Türkei und anderer Streitfragen.

Kars ist der Abschlussort unserer ostanatolischen Reise. In der baulich stark vom zaristischen Russland geprägten Stadt gibt es viele Studenten. Sherif bemerkt, dass nur wenige Frauen hier ein Kopftuch trügen. Kars ist die östliche Endstation der türkischen Eisenbahn. Früher ging die Strecke weiter bis nach Erivan, sie ist schon lange unterbrochen. Eine neue soll nach Georgien unter Umgehung von Armenien gebaut werden.

Am frühen Morgen besteigen wir den recht modernen Dogu-Express und fahren nach Westen in sehr gemächlichem Tempo über die ostanatolische Hochebene. Viele Kuhherden sieht man, einmal bleibt der Zug wegen einer Herde auf den Gleisen stehen. Wir sind froh, dass wir tagsüber fahren. So können wir die allmähliche Veränderung der Landschaft besser nachvollziehen. Die Strecke verläuft zum erheblichen Teil entlang des Euphrat-Flusses, dessen Wasser später zur Oase in der syrischen und irakischen Wüste wird. Noch immer werden hier Staudämme gebaut. Um halb zwei nachts sollte der Zug in Kayseri sein, unserem nächsten Stop. Es wurde schließlich 4 Uhr, bis wir im Hotelzimmer waren. Der Schlafwagen war bequem, aber erst kurz vor halb zwei, wir stehen ausstiegsbereit im Gang, eröffnete uns der Schaffner, das es noch eine Stunde dauern würde. Es waren dann zwei.

Kayseri liegt ziemlich genau im Zentrum von Anatolien. Es ist eine unspektakuläre, sehr moderne Stadt. Überhaupt wirkt die Türkei ab hier sehr westlich. Der Autoverkehr ist verglichen mit dem Iran sehr zivilisiert. Nun, kein Wunder bei Benzinpreisen, die bei 2 € liegen, höher als in jedem anderen europäischen Land. Von hier sind es nur 80 km nach Kappadokien, unserem Ziel für die nächsten vier Tage. Hier schlägt uns der Massentourismus zum ersten Mal auf dieser Reise in seinen Bann. Kappadokien ist ein Oberbegriff über ein Gebiet von bestenfalls 40 km im Durchmesser.

Der bekannteste Ort ist sicherlich Göreme. Regen, Wind und Sonne treffen hier auf einen unterschiedlich harten Untergrund. Die so entstandenen Felsformationen sind sehr bizarr. Die spektakulärsten sind möglicherweise die phallusartigen Gebilde im sogenannten Liebestal. Es gibt hier viele Höhlen, ganze unterirdische Stadtanlagen sowie viele Kirchen in den Höhlen. Das Gebiet war Rückzugsraum der verfolgten Christen im Römischen Reich, bevor Kaiser Konstantin das Christentum zur Staatsreligion machte.

Kappadokien wird nach allen Regeln der touristischen Kunst vermarktet. Bus auf Bus drängen sich die Besucher an den vielen Sehenswürdigkeiten. In unserem großen, etwas runtergekommenen Hotel waren alleine 4 Busse mit Besuchern aus Polen und Malaysia untergebracht. Jeden Morgen zum Beispiel erhebt sich eine Flotte von ca. 150 Heißluftballonen über Kappadokien. Sie besuchen u.a. das Liebestal von oben. Der Ballonführer geht zuerst 1000 m nach oben, um den Ballon dann dicht an den 'Phalli' vorbei ins Tal absinken zu lassen. Er streift dabei Baumwipfel, von einem plückt er sogar eine Aprikose. gefährlich dicht ist er an anderen Ballonen dran. Vier Wochen später ist ein Ballon durch die Kollision mit einem anderen abgestürzt, 3 Tote. Wir hatten vorher auf einen ähnlichen Unfall in Ägypten verwiesen. Aber das hier sei doch die Türkei, wurde uns erklärt. Schlampereien wie dort gebe hier nicht, alles sicher! Das Liebestal lässt sich übrigens auch gut erwandern, nicht so viele machen das, aber es lohnt sich.

Nach vier Tagen im vollen Hotel, inzwischen sind hier jede Menge Schulklassen untergebracht, besteigen wir wieder den viel zu großen VW-Reisebus und fahren nach Ankara. Wir wären lieber mit dem Zug die letzte Etappe nach Istanbul gefahren, aber dort wird der Bosporus-Tunnel mit anschließender Hochgeschwindigkeitsverbindung nach Ankara gebaut. Deswegen ruht jetzt der Zugverkehr weitgehend. Ein halbes Jahr später soll alles fertig sein. 

Ankara, inwischen 5 Mio Einwohner stark, ist eine große Ansammlung von Hochhäusern auf vielen Hügeln. Wir besichtigen das Atatürk-Mausoleum, sehr viel mehr hat die Stadt an Sehenswürdigkeiten nicht zu bieten. Wir sehen dem Spektakel des Wachwechsels zu, die Leute dürfen erstaunlich nah rangehen. Das Pflaster der Wege ist angeblich absichtlich uneben gehalten, damit die Besucher immer demütig den Blick senken ob der 'Heiligkeit' des Ortes, des wichtigsten Monuments der neueren türkischen Geschichte.

Über 400 km lang ist der Weg über die supergut ausgebaute Autobahn nach Istanbul. Sie überwindet einen waldreichen Gebirgszug bei Bolu. Sherif fährt hier im Winter Ski. Schon ca 100 km vor der Stadt geht die Fahrt am Nordufer des Marmarameers entlang durch riesige Hochhausgürtel und Industrieanlagen. Der Verkehr wird, obwohl Sonntag ist, immer dichter und vor der Brücke über den Bosporus zum Stau. Die Lage der Stadt an dieser Wasserstraße gehört zu den schönsten und ungewöhnlichsten der Welt. Wir fahren die europäische Uferstrasse entlang bis zur Galatabrücke. Dort besteigen wir ein Boot, dass den  Bosporus bis hinter die zweite Autobahnbrücke befährt. Wir sehen vom Wasser aus die Fülle der Paläste und herrschaftlichen Häuser, die sich der osmanische Adel und türkische Neureiche errichtet haben. Nicht mehr weit ist es bis zum Schwarzen Meer. Die Stadt hat sich mit ihren mittlerweise 15 Mio. Einwohnern auch bis dahin ausgedehnt. 3 Mio. hatte die Stadt bei meinem ersten Besuch 1975.

Wieder an Land begibt sich unser viel zu großer Bus auf die Suche nach unserem Hotel. Schließlich hängt er in einer Gasse fest. Das letzte Stück müssen wir laufen, das Hotel liegt laut Sherif in einer runtergekommenen 'Zigeuner'-Gegend. Viele Im- und Exportgeschäfte gibt es hier, russisch und osteuropäisch ausgerichtet, aber kaum Zigeuner, dafür viele Immigranten, die vermutlich illegal hier leben. Die Türkei verlangt von 120 Staaten kein Visum. Hierher zu kommen ist nicht schwer, weiterzureisen in die EU dagegen sehr. Nur wenige Straßenzüge weiter hat die Gentrifizierung in diesem Viertel eingesetzt. Unser Hotel mit Blick aufs Marmarameer ist frisch renoviert ist ein Vorbote der weiteren Entwicklung.

Am nächsten Tag erläutert uns Sherif bei der obligatorischen Stadtbesichtigung seine Stadt bis ins Detail. Wir verbringen viel Zeit im Topkapi-Palast, dem Wohnsitz des osmansichen Sultans. Wir gehen in die Blaue Moschee, Irene muss hier zum ersten mal seit dem Iran wieder ein Kopftuch überziehen. Eine 'Neuerung', meint Sherif, vermutlich hat Erdogan seine Hand im Spiel. Die Moschee kann uns nach unseren mittelasiatischen und iranischen Eindrücken nicht beeindrucken. Die Hagia Sophia ist Montags zu, wir werden sie am Morgen unseres Rückfluges sehen.

Abends laufen wir durch das Beyoglu Viertel. Hier gibt es unzählige Lokale, es ist das 'Szene'-Viertel Istanbuls. Eine sehr laute Demo mit vielleicht 30 Leuten kommt in der Istikal, der Fußgängerzone, vorbei. Später steht dann in der Straße und am Taksim-Platz etwa das 10fache an Polizei in Kampfanzügen herum. Die historische Straßenbahn fährt nicht.

Wir beschließen unseren Besuch in Istanbul mit einer langen Bootstour zu den Prinzeninseln im Marmarameer. Auf der größten, Büyük Ada genannt, steigen wir aus, essen ein leckeres Eis und fahren zurück. Die Inseln sind autofrei, sehr angenehm nach dem Istanbuler Dauerstau. Den letzten Tag beschließen wir im Sirkeci-Bahnhof und trinken dort das teuerste Bier unserer Reise im 'Agatha Christi'-Restaurant. Hier war der Endpunkt des legendären Orient-Expresses, viele Fotos sind davon ausgestellt. Bald wird der Bahnhof ebenso wie sein asiatisches Gegenstück, der Haydarpascha-Bahnhof, Geschichte sein. Der Tunnel macht sie überflüssig.

Unser Gepäck ist schon in einem diesmal angemessenen Kleinbus verstaut. Wir besichtigen zuletzt die Hagia Sophia, heute ist es ein Museum. vorher war es die Kirche der östlichen Christenheit, dann Moschee. Das heutige Museum übertüncht die wechselhafte Geschichte dieses sehr beindruckenden Gebäudes nicht. Sehr schnell sind wir danach am Flughafen. Wir verabschieden uns von Sherif, einem wirklich excellenten Reiseleiter, mit dem wir fast die ganze Türkei von Ost nach West bereist haben.

1975 bin ich von München direkt nach Istanbul gefahren in 2 Nächten. Heute wären es drei Nächte mit viermaligen Umsteigen nach Berlin. Das wollten wir uns zum Schluss doch nicht antun.  Damit war es natürlich keine 'Nullflugzeug'-Reise. Aber der Mensch ist eben bequem, wir manchmal auch!

                                                - ENDE -